von Sevan Nişanyan
Ein in Linz zu iranischen Sprachen arbeitender Freund namens Umut Akkoç hat mir die folgende Liste zugeschickt, um meine Meinung einzuholen. Ich dachte, ich teile sie gleich samt ein paar Anmerkungen.
1. In der proto-indoeuropäischen Sprache (PIE) wird das Ursprungswort als bhréh2tēr rekonstruiert und so kam man darauf:
A. Die aspirierten stimmhaften Konsonanten bh dh gh sind Laute, die nur in den modernen indischen Sprachen fortbestehen. Wir können davon ausgehen, dass es sie im Indoeuropäischen gab und sie ANDERE Laute darstellen als die unaspirierten Laute b g d. Denn ansonsten kann man nicht erklären, warum die im Altirischen immer als b d g, im Lettischen als b d j, im Altpersischen immer als b d d, im Altslawischen immer als b d z und im Hethitischen immer als p t k dargestellten Laute z. B. im Lateinischen in MANCHEN WÖRTERN als b d g in ANDEREN wiederum als f f h realisiert werden. Außerdem – und das ist das eigentlich Erstaunliche – sind die Laute b d g im Altindischen (Sanskrit) auch immer b d g, wohingegen die Laute f f h als bh gh dh realisiert werden. Im Altgriechischen ist die erste Gruppe b d g, die zweite ph th kh. Im Germanischen erscheint durch eine merkwürdige Verkreuzung die erste Gruppe als p t k, die zweite als b d g.
Kurzum, wenn es auf Irisch brathair auf Latein aber frāter, Griechisch phráter, Germanisch brōthr, Sanskrit bhrātr lautet, HEISST DAS, dass der erste Laut nicht b sondern bh sein muss.
B. Die altindischen und altiranischen Sprachen unterscheiden sich dadurch, dass der Laut e der anderen indoeur. Sprachen nach vorne verschoben und zu a wird. Das betonte é wird in den indischen und iranischen Sprachen zum langen ā. Soweit so klar.
C. Der als h2 dargestellte Laut, den F. de Saussure 1879 als Hypothese lancierte und der später regelrecht die Sprachwissenschaft revolutionierte, ist der zweite der Kehllaute (Laryngale). Sehr früh ging er in den indoeur. Sprachen verloren. Aber er sorgte dafür, dass der angrenzende Vokal häufig zum a wird. Deshalb bekam z. B. im Lateinischen und Germanischen, was ansonsten hätte e gewesen sein müssen, wie in den indischen und iranischen Sprachen die Färbung a; nicht freter sondern frater, nicht brēthr sondern brāthr, jedoch brethren.
2. Im Altpersischen und Avestischen heißt das Wort brātär. Das Altpersische war die Schriftsprache der altpersischen Könige (Achämeniden) aus vorchristlicher Zeit. Das Avestische ist die Sprache der heiligen Texte der Zoroastrier, von denen man nicht weiß, wann und wo sie entstanden sind. Nachdem sie über eintausend Jahre mündlich überliefert worden waren, schrieb man sie im 5. Jh. n. Chr. nieder. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Sprache, die sich aber sehr ähneln.
3. Im Pahlawi, der Sprache der Sassanidenkönige (3.-7. Jh. n. Chr.), und dem
Parthischen, der Sprache ihrer Vorgängerdynastie, wurde auf recht typische
Weise der zwischen zwei Vokalen vorkommende stimmlose Konsonant stimmhaft,
also von t zu d. Außerdem lauten alle deklinierten Formen brādär, beim
Nominativ jedoch entfällt die letzte Silbe und es bleibt brād übrig.
In Regionen, die den heutigen zentralasiatischen Republiken und Afghanistan
entsprechen, waren im 1. Jahrtausend v. Chr. Baktrisch (um Balch), Sogdisch (um
Samarqand) und Hotansakisch (um Kaschgar) die vorherrschenden Sprachen. In
ihnen fing der erste Laut an, zu einem Reibelaut zu werden; dafür steht der
Buchstabe β, der einen Laut zwischen b und w
repräsentiert.
4. Die neuwestiranischen Sprachen gingen i. d. R. von der Nominativform des Westmitteliranischen aus. Daher heißt es im Belutschischen barāt, im Gorani bërā, im Kurmandschi-Kurdischen, Zazaischen und dem Leki, einer Art Kurdisch in der iranischen Region Luristan, bırā. Wie das bǝrār in den am Kaspischen Meer gesprochenen Sprachen Gilaki und Masanderani zu verstehen ist, ist mir nicht ganz klar. Das Neupersische bevorzugt die Stammform, wie immer mit einem Fülllaut zwischen den beiden Konsonanten am Anfang. Statt des klassischen birādär wird im Alltagsgebrauch barādär bevorzugt.
5. Ossetisch, Paschto und andere kleine und große Völker in den Bergen zwischen Afghanistan und Tadschikistan verwenden Ableitungen der Form βrād(ar). Im Paschto, der vorherrschenden Volkssprache Afghanistans, heiße es wrōr, im Mundschi und Yidgha vrāi, im Sughni-Ruschani virōd, im Vakhi vrūt, im Yaghnobi virōt, im Yazghulami vrëd, so erfahren wir. Die im Kaukasus isoliert lebenden Osseten haben einen völlig anderen Weg eingeschlagen; indem sie die beiden Konsonanten am Anfang vertauscht und einen Ausgleichsvokal vorangestellt haben, kamen sie zu ärvād.
Warum das lateinische frater im Französischen frère wurde, warum das germanische brāthr im Angelsächsischen ein o bekam, warum der Diphthong des althochdeutsche bruoder zu einem einfachen u im Neuhochdeutschen vereinfacht wurde, wie aus dem altslawischen bráty tschechisch báta und serbisch baća entstand, klären wir ein anderes Mal.
zum Originaltext
Ü: TU

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