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Wettpissen mit Hunderttausenden Toten

Der Hauptgrund für die Besatzung Afghanistans durch die VSA ist grenzenlose Arroganz und Ignoranz. Mit Ignoranz meine ich einen adoleszenten Geisteszustand, der keine Ahnung hat von den Lehren und moralischen Prinzipien aus Tausenden  Jahren menschlicher Erfahrung. „Hey Joe“, sagten sie, „diese Afghanesen oder wie sie heißen mucken auf. Die werden wir zerquetschen. Außerdem die Russen, Geopolitik, Stabilität und Machtdemonstration und so. Soll die Welt mal sehen, wer weiter pissen kann.“

Freilich haben sie Analysen bestellt und verwendet. Hat man sich einmal fürs Wettpissen entschieden, finden sich problemlos Beweggründe. Man vergesse auch nicht, dass Bedienstete, die solche Analysen produzieren, nicht von der Liebe zur Erkenntnis angetrieben sind, sondern von Karriereambitionen. Hunderte von ihnen habe ich gelesen. So gut wie alle sind hirnrissiges Zeug bestehend aus oberflächlichen Hypothesen, willkürlichen Schlussfolgerungen und Interpretationen sowie klischeehaftem Geschichtswissen.

Die amerikanische Bevölkerung geriet nach dem 11. September in Panik. Man hatte die Angst, dass ohne die Botschaft „Alles unter Kontrolle, unsere Pisse ist heftig!“ alles aus den Fugen geraten könnte. Noch schlimmer: man befürchtete, der Präsident könnte in den Umfragen abstürzen. Bush junior, ein Vollpfosten, der Afghanistan nicht einmal auf einer Karte finden könnte, konnte überzeugt werden.

Mit käuflichen Medienleuten wurde eine exorbitante Hysterie geschaffen. „Wer sind die Bösen? Die Afghanesen. Sollen wir sie bestrafen? So hart wie’s geht!“ Keiner kam auf die Idee zu fragen, ob man eine wenige Tausend Mitglieder zählende Bande – falls es sie denn gibt, sie die Anschläge am 11. September tatsächlich verübt hat und nicht auf die Idee kommt ihren Stützpunkt über Nacht nach Pakistan zu verlegen - nur bestrafen könne, indem man ein Land am anderen Ende der Welt einnimmt, sein Volk unterwirft und entlegene Bergdörfer bombardiert. „Braucht ihr Geld? Hier hast du 100 Milliarden Vorschuss. Sag Bescheid, wenn du mehr brauchst.“

Was darauf folgt, ist ein Beutezug ohnegleichen. In dem erzeugten Klima der Hysterie gewährte der Kongress in vorauseilendem Gehorsam alles, was verlangt wurde und mehr. Kongressabgeordnete, die sich weigerten, wurden bestochen oder, wenn es sein musste, erpresst. Schließlich reden wir hier von Billionen Dollars (manche Quellen sprechen von 1 Billion, andere von 2,4 Billionen). Das ist mehr als die Gesamtbevölkerung der Türkei insgesamt verdient.

Dieses Geld kam in Form von Steuern und Schulden vom Volk und ging an eine Gruppe von Menschen. Es ging an Soldaten, ob im Einsatz oder nicht, an Subunternehmer der Baubranche, Rüstung und Elektronik. Wer sagen konnte „Hier ist das neueste Wunderwerk der Technik: eine aus dem Arsch Feuer speiende Giraffe mit Glocke“ erhielt das Geld. Lokale Hochstapler, die meinten „Hey Mischter, ich hab übelst wichtige Infos, heute im Angebot für eine Million“ erhielt das Geld. Für Johnny, der kein „Afghanesenfraß“ Essen konnte, wurde Burger King eingeflogen. Tausende Thinktanker wurden eigens dafür eingestellt und bezahlt, um dieses groteske Treiben Amerika und der Welt zu verkaufen. „Die armen afghanesischen Frauen. Kuck mal, die Fatima weint“. Geld gab’s schließlich genug, die Ausschüsse waren willfährig. Selbst wenn die Hälfte in der Tasche landet, kümmert’s keinen. Warum soll man leer ausgehen, wenn der Nachbar einsteckt?

Bis gestern war der reichste man Afghanistans einer, der in einem amerikanischen Stützpunkt als Übersetzer angefangen hatte. Reicht das als Info?

Je länger die Besatzung ging, desto mehr Rechtfertigungen brauchte man. „Wir bauen eine Nation auf“, hieß es. Mit Marodeuren, die sie auf den Straßen aufgesammelt hatten, und Leuten, die nicht davor zurückschreckten, ihr Volk für ein ein wenig Geld zu verkaufen, schufen sie eine 300.000 Mann starke Streitkraft. Sonst taten sie nichts. Das BIP von Afghanistan ist in zwanzig Jahren weniger gewachsen als das der ärmsten Länder der Welt. Demgegenüber haben sie das gesamte Land zwanzig Jahre lang terrorisiert. Sie haben Dörfer niedergebrannt. Sie haben auf Feldern Menschen wie Hunde gejagt. Wen sie für verdächtig hielten, haben sie auf offener Straße vor Kind und Kegel hingerichtet. „Aus Versehen“ haben sie Hochzeiten bombardiert, „aus Versehen“ Schulen bombardiert, „aus Versehen“ Krankenhäuser bombardiert. Obwohl es sich in den letzten drei Jahren abgezeichnet hat, dass ihre Truppen abziehen müssen, warfen sie 15.000 Bomben ab. Bomben. Stell dir vor. Auf dein Dorf, deine Straße, deinen Arbeitsplatz.

Wussten sie nicht, dass sie auf verlorenem Posten stehen, dass die in zwanzig Jahren von ihnen aufgebaute Nation eine kaputte Baracke ist? Die meisten wussten oder ahnten es, denke ich. Aus den 2018 geleakten Afghan Papers geht ganz klar hervor, dass die Generäle der obersten Riege intern über alles Bescheid wussten. Wenn es aber darum ging, mit der Öffentlichkeit zu reden, logen sie ohne mit der Wimper zu zucken. Warum? Weil sie alle im Endeffekt Bedienstete sind. Sie haben Angst davor, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Außerdem ist doch alles schön opportun; warum sollen sie nicht eine Weile davon Nutzen ziehen? Wenn die Rente kommt, überlegen wir uns den Rest.

Es waren also drei Beweggründe. Erst Arroganz und Ignoranz, dann Profitinteressen und schließlich Angst, Egoismus und Lügen. Das ist alles. Zwanzig Jahre Krieg haben sonst keinen anderen handfesten Grund. Dasselbe gilt für Irak, Syrien, Jemen, Somalia und den Rest.

Hoffen wir, dass die Niederlage in Afghanistan Teil einer größeren Lösung sein wird.

Sind die Taliban besser? Keine Ahnung. Ich bin nicht gerade optimistisch. Vielleicht werden sie eine Zeit lang wegen der absurden Dogmen, an denen sie festhalten, einem Teil der Afghan*innen das Leben zur Hölle machen und dann wird das Leben seinen normalen Gang nehmen. Vielleicht auch nicht. Wer weiß?

Dass aber so viele Menschen dem Lug und Trug, völlig offensichtlichen Propagandaparolen so leichtfertig glauben, wie Papageien diese wiederholen, ist mir inzwischen unerträglich geworden. Nur damit ihr’s wisst.

Von wegen „zivilisieren“. Zivilisation für’n Arsch.


Von Sevan Nişanyan

Originaltext:  https://nisanyan1.blogspot.com/2021/08/afganistan-ozet.html?m=1 

 

 

 


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