von Sevan Nişanyan. Türkischer Originaltitel: "Suriye notları",
übersetzt von Taner Ulupınar
Sevan Nişanyan ist ein türkischer Autor, Hotelier und Intellektueller armenischer Herkunft. Seit 2017 lebt er im Exil auf Samos. [Anm. des Übersetzers]
1. Der östlich des Euphrat gelegene Teil Syriens wurde seit Januar
2016 systematisch unter die Kontrolle der YPG gebracht. Die USA haben aktiv
diesen Prozess unterstützt. Die syrische Armee zog sich ohne großen Widerstand
zurück. Noch interessanter ist, dass sich die Türkei zu keinem Zeitpunkt
nennenswert beschwert hat. Aufgepasst bitte: Die Türkei stellte sich vehement
gegen den Einsatz der Kurden westlich des Euphrat; man verkündete auch, dass
man auch gegebenenfalls bereit sei, Krieg zu führen. In Manbidsch gab es
sogar Kämpfe. Aber zu keinem Zeitpunkt gab es eine klare Haltung in Bezug auf die Region östlich des Euphrat.
2. Diese 50.000 km2
große Region macht ungefähr dreißig Prozent der Fläche Syriens aus. Ob das
jemals wieder zu Syrien gehören wird? Ich vermute kaum. Syrien hat diese Region
verloren. Auch die Region Manbidsch-Azas-Afrin westlich des Euphrats ist für
Syrien verloren. Somit ist Syrien geschrumpft, ist a) seine kurdische
Bevölkerung sowie b) einen Teil seiner militanten Sunniten los und ist zu einem
homogeneren Land geworden. Auch wenn die Syrer momentan nicht glücklich darüber sind, denke
ich, dass sie sich durchaus daran gewöhnen können.
3. Kann der Osten des Euphrats („Rojava“) als unabhängiges
oder halbunabhängiges Land überleben? Ich denke, das ist schwierig. Es ist ein
Traum zu glauben, dass die Deckung durch die USA für immer hält. Die Optionen
für dieses Land, das keinen Zugang zum Meer hat und nur über begrenzte
natürliche Ressourcen verfügt, sind a) zu Syrien ODER zur Türkei angebunden zu werden ODER b) den Nordirak und
möglicherweise einen Teil der Türkei zu erwerben, um ein mehr oder weniger zukunftsfähiger
Staat („Kurdistan“)zu werden. Ich kenne keine andere Möglichkeit. Da die
zweite Option zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich zu sein scheint, wird dieser
unter US-Aufsicht gegründete Quasi-Staat
unter die Kontrolle eines seiner beiden Nachbarn fallen. oder unwahrscheinlicher
– er wird zwischen den beiden aufgeteilt.
4.Worum geht’s der Türkei schlussendlich? Ich vermute, den Osten
des Euphrats einzunehmen, genauer gesagt: In Syrien sollen gleich zwei Staaten nach
dem Vorbild Nordzyperns geschaffen werden. Eine Annexion ist nicht nötig. Wie
wir an den Beispielen der Türkischen Republik Nordzypern, Karabach und Kosovo
gesehen haben, funktioniert so etwas heutzutage ohne Annexion ebenso gut. De-facto-Regime
können durchaus beständig sein.
5. Warum möchte die Türkei das? Wenn es gelingt, dann wird
die Türkei, a) zusammen mit Russland und den USA eines der drei Länder weltweit
sein, denen es gelungen ist, das Territorium eines anderen Landes zu erobern
und zu behalten, b) die militärische Säule des kurdischen Widerstands zumindest für eine lange Zeit eliminiert haben, c) die
Möglichkeit haben einen Teil der syrischen Flüchtlinge im Land dort
anzusiedeln, d) durch Bau- und
Infrastrukturinvestitionen sowie durch zwielichtige Transaktionen wie in Nordzypern sich finanzielle
Vorteile verschaffen und (e) über erhebliche Ölvorkommen verfügen.
6. Wird sich die Türkei mit dem angekündigten 30 km langen Korridor
begnügen oder wird man bereits jetzt versuchen, den gesamten Osten des Euphrats
zu erobern? Womöglich existente Abkommen mit den USA, Russland und dem Iran kennen
wir nicht. Jedenfalls befindet sich die
überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Ressourcen von
Rojava innerhalb des 30 km langen Korridors. In diesem Korridor konzentriert
sich auch die kurdische Bevölkerung Syriens. Wenn der Korridor wegfällt,
scheint es schwierig, Rojava als zusammenhängende Einheit zu erhalten.
Möglich, dass die Türkei wohl oder übel in einen
umfassenderen Militäreinsatz verwickelt wird. Im Falle einer Überschreitung der
30 km-Marke ist es unklar, wie a) die Länder der Region, b) Syrien und c) die
USA reagieren werden.
7. Die Türkei hat sich offensichtlich mit der Zustimmung der
USA und Russlands in diesen Einsatz begeben. Es ist gut möglich, dass der Einsatz
vor Monaten oder gar Jahren mit diesen beiden Staaten geplant worden ist. Die
Ausrüstung, die die USA der YPG zur Verfügung stellen, reicht aus, um den Osten
des Euphrats- von Amateurbanden wegzunehmen, ist jedoch kein ernstzunehmender
Widerstand gegen die Türkischen Streitkräfte. Wahrscheinlich erfolgte die Ausrüstung
durch die USA mit dem Wissen und sogar der Zustimmung der Türkischen
Streitkräfte. Die verbalen Verurteilungen der EU-Länder und Israels haben
vorerst die Konsistenz von feuchten Lumpen. All diese „scharfen“ Verurteilungen
bezeugen nur, dass diese Länder vorerst keine wirksamen Maßnahmen gegen den
türkischen Einsatz ergreifen werden.
8. Wird die Türkei gewinnen? Ich denke, dass sie bei Kampf eins-gegen-eins-zweifellos
gewinnen wird. Die militärische Überlegenheit der Türkei ist überwältigend. Das
ganze Gerede der letzten Jahre, dass die Türkischen Streitkräfte am Ende seien
und zugrunde gegangen sind, sollte als klassische Kriegspropagandatechnik verstanden
werden.
Geschichtlich gesehen sollte man jedoch nicht vergessen,
dass Kriege, insbesondere asymmetrische Kriege, bei denen eine Seite zu stark
ist, sehr selten eins-zu-eins weitergehen. Österreich-Ungarn hätte Serbien 1914
im Zweikampf vernichtend geschlagen. Deutschland walzte 1939 Polen in drei
Wochen nieder. Und was geschah dann?
9. Die Weltgemeinschaft ist
derzeit fast zu 100 Prozent gegen die Türkei. Einstimmig haben die USA,
Russland, Europa, die arabische Welt, Iran und Israel den türkischen Einsatz
scharf verurteilt. Zu glauben, dass ein solcher Konsens „spontan“ zustande
gekommen ist, ist unrealistisch. Zweifelsohne haben diverse Staaten einen
solchen Gegenwind gegen die Türkei angekurbelt oder zumindest dem zugestimmt.
Ist es nicht interessant, dass sie militärisch und diplomatisch
diesem Einsatz zustimmen, aber gleichzeitig in der Öffentlichkeit einem solch
heftigen Widerspruch grünes Licht geben?
Dies wird man irgendwann vielleicht als Fallbeispiel in der Diplomatiegeschichte lehren.
10. Ungeachtet, wie das Ganze nun ausgeht, so zeichnet sich doch
ab, dass Gewaltherrschaft, Gesetzlosigkeit und Brutalität noch eine ganze Weile
in der Türkei vorherrschen werden. Ein schneller Sieg, gefolgt von einem Waffenstillstand, kann zu einer kurzen Entspannung
im Innern führen, aber das Erdogan-Regime würde dadurch für sehr lange Zeit unumkehrbar
gefestigt; die Entstehung eines Einparteienregimes, dessen Vorboten in den
letzten Tagen erkennbar waren, würde beschleunigt.
Der Allmächtige stehe uns bei, sollte die Sache sich in
die Länge ziehen und ungeahnte Richtungen einschlagen. Ich glaube, wir müssen Wege
finden, wie wir unsere derzeit noch mutig sprechenden Freunde auf den Inseln
untertauchen können – vorausgesetzt, sie können sich retten.
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