von Sevan Nişanyan
Schauen wir uns zunächst die aktuellen Zahlen der mit oder an Corona Gestorbenen pro
1 Million Einwohner an.
Quelle: worldometers.info, 9. Februar 2021.
Merkwürdig, nicht wahr? Seid ihr unter den millionenfachen Coronavirus-Meldungen im In- und Ausland auf eine Erklärung, Auswertung oder Theorie zu dieser simplen Tabelle gestoßen? Lassen wir mal Erklärungen außen vor. Habt ihr mal was gelesen, wo das ganz nebenbei angesprochen wurde oder man sich darüber gewundert hat?
England und Frankreich gehören wohl zu den Ländern mit den strengsten Covid-Einschränkungen der Welt. Seit einem Jahr sind Grundrechte und -freiheiten fast vollständig abgeschafft, das Reisen und Versammlungen zuhause mit den Liebsten verboten, Schulen und Arbeitsplätze geschlossen, alte Menschen in die Einsamkeit verdammt, andere Gesundheitsdienste als Covid annulliert und wer die Verbote nicht befolgt, wird quasi als Terrorist behandelt. In wichtigen VS-Bundesstaaten ist die Lage ähnlich.
Seit ein paar Wochen bin ich in Ägypten. Die Schulen hier sind geschlossen, ansonsten fallen keine anderen Maßnahmen auf. Restaurants sind geöffnet, die Moscheen sind überfüllt und auf den Basaren wird gedrängelt wie eh und je. Außer in staatlichen Einrichtungen trifft man kaum jemanden, der eine Maske trägt. Die Maskenpflicht für Taxifahrer dient nur als weitere Einnahmequelle für die Polizei. Die Situation in Indien, wie ich sie in der Presse verfolge, ist noch krasser. Nachdem sie zunächst einen vordergründigen Lockdown verkündet hatten, stapelten sich Millionen an den Grenzen der Bundesstaaten. Danach ließen sie den Dingen ihren Lauf. Von der Todesangst, mit der sich wohlhabende Gesellschaften angesteckt haben, gibt es auch in Bangladesch, Indonesien und auf den Philippinen nicht die Spur. Ich glaube, sie lachen nur darüber.
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Ich weiß, an welche Hypothese ihr als erstes denkt. Die ist falsch. Ich habe in Ägypten sorgfältig nachgeforscht. Die Covid-Propaganda ist hier so gegenwärtig wie überall, das Gesundheitssystem ist mobilisiert und wenn die Menschen krank sind, gehen sie nicht seltener ins Krankenhaus als in der Türkei oder in der Schweiz. Äußerst selten trifft man jemanden – sei es im chaotischsten Provinzstädtchen oder in den Elitezirkeln von Kairo—, der einen Angehörigen oder Bekannten durch Covid verloren hat. In der etwa 4000-köpfigen armenischen Gemeinde ist bisher nur eine Person daran gestorben. Sagen wir, dass die Zahl der Infektionen unrealistisch ist, denn sie testen nicht wie die Wahnsinnigen, aber in einer Gemeinde, in der jeder jeden kennt, scheint es unwahrscheinlich, dass die Todeszahl unrealistisch ist.
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Zurück zur Tabelle. Wie kann man das logisch erklären? Wenn ihr meint, dass Gott die Muslime schützt, erklärt das nicht die Philippinen und Indien. Wie ist es zu erklären?
Mir fallen drei Hypothesen ein. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um Erklärungsversuche. Ich stelle Vermutungen an und weiß nicht, ob sie stimmen. Wenn ihr es besser erklären könnt, bin ich ganz Ohr. Wenn ihr aber meint „Du bist doch kein Wissenschaftler. Wie kannst du dazu Hypothesen aufstellen?“, dann kann ich daraus nur schließen, dass ihr aus irgendeinem Grund nicht denken wollt oder nicht recht denken könnt.
Erste Hypothese: Zu viel Hygiene hat manche Gesellschaften für einfache Viren anfällig gemacht. Neunzig Prozent der Kinder hier wachsen in riesigen Müllhaufen auf. Täglich trinken zig Menschen aus den Bechern an den sabil genannten Brunnen, die überall zu finden sind. Folglich sind die Überlebenden gesünder als Europäer.
Wenn dies zutrifft, folgt daraus ganz klar, dass zu viel Sauberkeit nicht gut ist.
Zweite Hypothese: In einigen Gesellschaften gerieten wegen der durch die öffentlichen Kommunikationsmittel andauernd aufgeheizten Angst sowohl Bürger als auch Mediziner in Panik. Die Menschen sterben an übermäßigen oder falschen medizinischen Eingriffen.
Dies ist natürlich eine sehr waghalsige Hypothese, die sorgfältig untersucht werden müsste. Ich kann nicht sagen, ob sie stimmt oder nicht. Lasst mich aber festhalten, dass sich seit Monaten weltweit Anekdoten angehäuft haben, die in diese Richtung weisen, und dass kluge Mediziner fast täglich ernsthafte Bedenken zu diesem Thema äußern.
Wenn Wahrheit darin steckt, ist daraus zu schließen: Es ist möglicherweise nicht immer so gut, wenn die Ärzteschaft sich in Selbstüberschätzung als Allheilmittel betrachtet.
Dritte Hypothese: Der Ehrgeiz in einigen Gesellschaften, die Lebensdauer über seine natürlichen Grenzen hinaus zu verlängern, hat zu einer Überalterung der Bevölkerung geführt. Hunderttausende Menschen, die eigentlich hätten sterben sollen und mit ständigen medizinischen Eingriffen am Leben erhalten wurden, konnten einer einfachen Krankheit nicht standhalten und haben das Zeitliche gesegnet.
Die dritte Hypothese scheint mir die plausibelste zu sein. Ich schlussfolgere daraus, dass es nicht sehr erstrebenswert ist, das menschliche Leben um jeden Preis zu verlängern. Die Natur rächt sich so oder so. Auf diese Weise kann das durchschnittliche Todesalter, das als unfehlbarer Indikator für die Lebensqualität eines Landes dargestellt wird, manchmal eher ein fataler Nachteil als ein Vorteil sein.
urspr. ersch. am 10.02.2021, Quelle
Übers. aus dem Türkischen von TU
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