von Sevan Nişanyan
Als ich anfing, über meine Doktorarbeit nachzudenken, lichtete sich in der Türkei der dunkle Vorhang nach dem Militärputsch von 1980 allmählich, die neue Verfassung stand zur Diskussion und es war die Rede von neuen Parteigründungen. Das war 1982-83. Ich entschied mich, keinesfalls über die Türkei zu schreiben. Es sollte etwas Umfassenderes werden. Wie verliefen ähnliche Krisen wie in der Türkei in anderen Ländern der Welt und was kam dabei heraus? Es heißt ja schließlich Comparative Politics!
In meiner Recherche fand ich heraus, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in rund vierzig Staaten man nach einer Übergangsdiktatur überging zu einem Mehrparteiensystem mit mehr oder weniger freien Wahlen. Interessanterweise gewann die erste Wahl in fast allen Beispielen die Oppositionspartei, die mit den Werten des Militärregimes am schärfsten im Widerspruch stand. Sobald die Militärregime dem politischen Wettbewerb ausgesetzt waren, wurden sie bei der ersten Gelegenheit besiegt. Man konnte also darauf wetten, dass Süleyman Demirel, wenn er denn antreten durfte, oder die ihm politisch am nächsten stehende Option, Turgut Özal, gewinnen würde.
Ich habe mir Peru, Brasilien und Argentinien als die passendsten Fallbeispiele ausgesucht und flog schnurstracks nach Peru. Ich durchstöberte die Archive und traf mich mit den politischen Akteuren. Wenn man eine Sache von außen betrachtet, erscheint sie manchmal klarer, ist rationaler begreifbar. Nach der Heimkehr ergoss sich der Text regelrecht aus meinen Fingern in die Tastatur. Binnen drei bis vier Wochen schrieb ich eine hundertseitige Voruntersuchung mit dem Titel "Verfall und Untergang von zwölf Jahren Militärregime". Welch ein Vergnügen das war! Mit fliegender Feder schrieb ich bis in die Morgenstunden. Sie konnte sich durchaus sehen lassen: Wenn ich sie jetzt nach fast 40 Jahren wieder lese, scheinen mir die Analyse ziemlich solide, die Thesen originell und spannend, die Argumentation folgerichtig und die Darstellung ordentlich. Wenn ein Student die Arbeit einreichen würde, würde sie sofort ein glattes A verdienen.
Natürlich braucht eine Doktorarbeit eine These. Dann muss man diese These im theoretischen Rahmen des jeweiligen Faches einordnen, die großen Schulen diskutieren, künstliche Querverbindungen herstellen, ein paar der Denkschulen verwerfen, bei ein, zwei davon mit Nasenrümpfen einen gewissen Wahrheitsgehalt einräumen und an einer davon — wenn möglich die brillanteste und mit den wenigsten Vertretern — Gefallen finden; dann muss man noch für die zu erzählende Geschichte die in die These einzusetzende Terminologie erstellen, auch wenn sie nichts damit zu tun hat. Dies ist der Ablauf, der so vielen blitzgescheiten jungen Menschen durchschnittlich fünf Jahre ihrer produktivsten Lebensphase raubt. So schreibt es der heilige Popper vor. Erst die Theorie.
Ich habe es anderthalb Jahre durchgehalten. Erst habe ich eine schicke Studienarbeit formuliert, in der ich Begriffe wie "Militärregime", "Diktatur", "freie Wahlen", "Mehrparteiensystem", "Opposition" mit reichlichen Verweisen auf die Literatur definierte. Dann habe ich mich darin vertieft, was "Prognose" oder "Vorhersage" (prediction) in der politischen Analyse bedeutet. Wie kann das "Ergebnis" bei einem Spiel mit unendlich vielen Spielern eingeschätzt werden? Woher weiß man, ob die Einschätzung richtig oder falsch ist? Was ist der Unterschied zwischen Szenario und Modell? Was unterscheidet ein gutes Szenario von einem schlechten? Schließlich überzeugte ich mich davon, die PoWi, die von sich behauptet eine Wissenschaft zu sein, auf völlig neuen Grundlagen von Neuem errichtet zu haben. Im Frühjahr 1985 stellte ich den Arbeitsentwurf der Kommission vor und verteidigte sie. Natürlich erhielt ich ein A mit Sternchen. Dann fragte ich mich, ob ich den Rest meines Lebens mit diesem Unsinn beschäftigen will, und schmiss hin.
Hätte ich mich mit konkreten Fallstudien begnügt, hätte ich in anderthalb Jahren statt drei ein Dutzend bewältigen können. Wäre das nicht eine viel lesbarere und nützlichere Arbeit geworden? Der Menschheit etwas Nützliches zu hinterlassen ist eine viel zu übertriebene Motivation, aber hätte die Arbeit nicht zumindest den Horizont von drei Professoren, die es gelesen hätten, erweitert, ihnen neues Wissen und neue Blickwinkel gegeben? Zugegeben, Theorie braucht man auch, aber hätte ich nicht statt den Karren vor das Pferd zu spannen, ihn hinten lassen können, d. h. am Ende mit ein paar schlauen Beobachtungen und Schlussfolgerungen die Sache abrunden? Reichen da drei Seiten? Ja, das ist mehr als genug.
Wem nützt das Theoriegebäude eines Studiosus in seinen Zwanzigern? Doch mir fehlte damals die Reife, das zu durchblicken.
Auf die Frage "Worüber soll ich meine Arbeit schreiben?" antworte ich seither jedem: Sammle Wissen, kompiliere Wissen, vermittle Wissen.
Die Welt ist voll von rohen Wissensbergen. Wer aufmerksam und neugierig gräbt, findet unter jedem eine Mine. Deren Edelsteine zu sammeln, durchzusieben, zu reinigen, anzuordnen, zu verpacken und etikettieren ist das segensreichste, was angehende WissenschaftlerInnen tun können. Theorie ist Meta-Bergbau. Sie ist das Ergebnis in langjähriger Erfahrung von einem selbst und anderer Leute entstandener Weisheit. Wenn der Ruhestand in Sichtweite ist und das Bedürfnis die eigenen Memoiren niederzuschreiben spürbar wird, kann man sich der Theorie widmen. Nur Geduld.
Manch einer fragt, ob heutzutage, wo doch Bibliotheksregale mit dem Gewicht von Millionen Doktorarbeiten durchhängen, originelle Doktorarbeiten überhaupt möglich sind, ob es noch unberührte Themen gebe. Sie wissen nicht welch unendliches Territorium Wissen ist. Oder sie verstehen darunter das Vermengen und erneute Auftischen abgestandener Arbeiten. Wenn es heißt "Geben Sie mir ein Thema", fallen mir auf Anhieb einhundert ein, z. B. das Wahlverhalten von rund vierzig Staaten, die von der Zwischenphase zu einem demokratischen System übergegangen sind. Das hat noch keiner geschrieben. Was ich mich auch urplötzlich frage, ist die physische Topologie der rund einhundert Dörfer im Landkreis Hizan und die Korrelation der unterschiedlichen Dorftypen mit den Tragödien des 19. und 20. Jahrhunderts; ein brach liegendes Thema. Oder die den Islam betreffende Polemiken im Westen im ersten Jahrhundert des Buchdrucks: Stelle es ausführlich dar und ordne es. Wie wäre es mit einer vergleichenden Analyse von anatolischen Heiligenlegenden mit byzantinischen? Stelle es dar, liste sie auf, vergleiche sie und schreibe auf, was dir als erstes einfällt. Du wirst mit Sicherheit einen Schatz finden.
Das gilt für die Geisteswissenschaften, wie ich sie kenne. Ich denke nicht, dass es in den Naturwissenschaften anders sein wird.
Läuft man nicht Gefahr, statt Edelsteinen Schutt zu sammeln? Ja, das ist möglich. Man könnte seine Zeit vergeuden, wenn man nicht ein Mindestmaß an Ausrüstung hat, um die Schottersteine abzusondern. Ich bin mir jedoch sicher, dass jemand, der die Materie bestens kennt und nicht völlig dumm ist, in Kürze die Fähigkeit, das Wertvolle vom Wertlosen, das Edle vom Schotter zu unterscheiden, erlangen wird. Wenn der oder die Lehrende zu etwas taugt, kann man davon ausgehen, dass man dort auch Hilfe erhalten wird.
Ursprünglich erschienen am 31.07.2021 auf sosyalbilimler.org
Titelbild: James McBey, Girl Writing a Letter (1923),
Übersetzt von TU.
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