Autor: Sevan Nişanyan
Das Original erschien in seinem Blog am Samstag, 21. Dezember 2019, https://nisanyan1.blogspot.com/2019/12/aferin-ruslara.html
Übersetzer: Taner Ulupınar
Sevan Nişanyan, ein türkischer Armenier, ist Intellektueller, Publizist, Linguist und Hotelier. 2017 gelang ihm die Flucht auf die griechische Insel Samos, nachdem er in der Tükei wegen einer baurechtlichen Lapalie inhaftiert worden war. [Anm. d. Übersetzers]
Sevan Nişanyan, ein türkischer Armenier, ist Intellektueller, Publizist, Linguist und Hotelier. 2017 gelang ihm die Flucht auf die griechische Insel Samos, nachdem er in der Tükei wegen einer baurechtlichen Lapalie inhaftiert worden war. [Anm. d. Übersetzers]
Obwohl sie vielleicht nicht die bemerkenswerteste war, stach
dennoch eine eingängige Beobachtung während meiner zehntägigen Armenienreise hervor:
Was auch immer an Zivilisatorischem in den letzten paar Jahrhunderten hierher
kam, kam von den Russen. Sie führten einen ordentlichen Städtebau ein, errichteten
anständige Gebäude, brachten Bildung, errichteten Universitäten, eröffneten Museen
und Konzerthallen, stellten an jeder Ecke außergewöhnliche Statuen auf und
bauten selbst in den entlegensten Bergdörfern Fabriken und Wohnsiedlungen In
jedem noch so gottverlassenen Dorf, von Moldawien bis in die Mongolei, bauten
sie, zugegebenermaßen etwas eintönige, kastenförmige Häuser, in denen es sich mehr
oder weniger menschengerecht leben lässt.
„Kultura“ kam an erster Stelle: Sie brachten den Menschen bei, Erzählungen
und Mythen von Dichtern, Künstlern, Pianisten, Luftfahrtingenieuren,
Wissenschaftlern, Agrarpionieren und selbstlosen Müttern zu erzählen und zum
Vorbild zu nehmen. Ich denke, das ist der Knackpunkt des Ganzen. Gibt es diese
Erzählungen nicht, fallen Gesellschaften in einem Wimpernschlag in die Barbarei
zurück, siehe die heutige TR.
Gab es keine Schwierigkeiten? Natürlich gab es die. Bei der
erst besten Gelegenheit eiferten Nationen, von Berlin bis in die Mongolei, um
die Wette, als es darum ging, die sowjetischen Fesseln abzuwerfen. Ich habe seit
1989 bereits mehrmals über diesen Aspekt geschrieben. Es wäre jedoch falsch den
anderen Aspekt außer Acht zu lassen. Wenn es heute im Kaukasus, in Zentralasien
und in den Wäldern Sibiriens eine mehr oder weniger zivilisierte Ordnung gibt,
dann ist das dank Russlands, sei es zu Zaren- oder Sowjetzeiten. Das sind geographisch
gesehen beschissene Regionen und ohne die Russen sähen sie nicht anders aus als
Libyen.
*
Seit 1945 hat Russland, so denke ich, zwei Dinge falsch
gemacht. Der erste Fehler war es, einen Teil Europas unter seine Hegemonie zu
stellen. Länder wie Deutschland, die Tschechei, Polen und Ungarn waren aus kultureller
Sicht fortgeschrittener als die Russen. Ihr natürlicher Referenzpunkt war
Westeuropa, wodurch sie die russische Vorherrschaft als Unterdrückung erlebten.
Die in diesen Ländern begonnenen Risse, endeten mit dem Auseinanderbrechen des
gesamten Russischen Reiches.
Den zweiten Fehler haben die Sowjets eigentlich nicht selbst
verschuldet. Sie waren angesichts der systematisch eskalativen, militärischen
Bedrohung durch die USA gezwungen, sich auf den Militarismus zu konzentrieren. Sie
investierten dermaßen in die Ausrüstung, dass ihre Wirtschaft dem auf Dauer
nicht standhalten konnte. Noch viel wichtiger ist, dass sie in ihrer Umzingelungsparanoia die Rechte und Freiheiten im Innern völlig missachteten . Die Leute
warteten 40 Jahre in der Hoffnung auf Besserung, bis es schließlich knallte.
*
Es gibt unterschiedliche Arten von Imperien. Typ A ist das
Osmanische Reich: erobern, gänzlich plündern und mit den Einnahmen im Zentrum einen
kurzlebigen Promp hervorrufen. Wenn die auszubeutenden Ressourcen einmal ausgeschöpft
sind, fallen allesamt in die Steinzeit zurück. Typ B sind England, Frankreich
und die USA: erobern, die eigenen waghalsigsten Leute losschicken, damit sie gemeinsam
mit lokalen Teilhabern auf Teufel komm raus neue Einkommensquellen schaffen und
das Zentrum sich mit Reichtum sättigt. Die vermittelnden Gesellschaftsklassen vor Ort und
ihr Umfeld kommen so zu Reichtum und Promp. Sie bauen sich Luftschlösser
von einem Kleinen Amerika. Wen kümmert’s da, wenn der Rest verrottet.
Typ C ist Russland. Die aus den Kolonien ins Zentrum
überführten Ressourcen halten sich im Gegensatz zu den anderen beiden Typen ziemlich
in Grenzen, wobei selbst das für Rüstung verschleudert wurde. Moskau ist zwar
heute die Metropole, aber in Sachen Wohlstand, Technik, Kunst, Kultur, Lebensstandard
usw. ist die Stadt nicht viel anders als Eriwan oder Almaty. Das war es auch
vor 1991 nicht. Man legte Wert auf auf administrative Kontrolle statt wirtschaftlicher
Ausbeutung. Man hatte es sich zum Ziel gesetzt, eine homogene Staatsordnung bis
in die entlegensten Dörfer zu tragen.
Im Endergebnis, so scheint es, haben die als „Modernisierung“
und gar als „Verwestlichung“ bezeichneten Phänomene den ländlichen Raum der
ehemaligen Sowjetrepubliken viel tiefgreifender und dauerhafter durchdrungen
als Länder, die jahrhundertelang unter westlicher Vorherrschaft gelebt haben.
Die Einkaufszentren in Eriwan mögen nicht so schillernd wie jene in Istanbul
sein; jedoch findet man dort auch nicht das wirtschaftliche und kulturelle
Elend der Türkei abseits der Schaufenster. In den abgeschiedensten Dörfern kann
man Menschen finden, die Liszt kennen, niemanden stört es wenn der Pfarrer und
der Atheist sich gegenseitig necken.
Die eigentliche Frage lautet, wie hat Russland in
Tadschikistan binnen 100 Jahren das geschafft, was England in Indien in 300 Jahren nicht
geschafft hat?
*
Die russische Wirtschaft sei zusammengebrochen, heißt es, die
Schwerindustrie sei am Ende, man sei im Technologiezeitalter zurückgeblieben,
sie wüssten nicht einmal, wie man Mikrochips herstellt. Sie ließen sich ihre talentiertesten
jungen Menschen von London und Kalifornien wegschnappen. Das ist wohl wahr. In
der russischen Kultur gab es niemals den verwegenen Schöpfergeist des Westens. Die
Russen, denke ich, haben zumindest in dieser Epoche auch nicht wirklich den kollektiven
Erfolgswillen Chinas. Ist Russland also am Ende? Sollten schlaue Zocker heutzutage
auf die USA setzen?
Ich weiß es nicht. Ich weiß jedoch, dass man zwei Dinge
nicht außer Acht lassen sollte. Erstens, man sollte das alte Russische Reich auf
keinen Fall unterschätzen. Es ist – immer noch – eines der wichtigsten
imperialen Mächte auf Erden. Zweitens sollte man nicht vergessen, dass Russland nie
besiegt wurde. Im 13. Jahrhundert hat es sich zwar den Mongolen ergeben, aber
seither hat es jedem Angreifer eine Niederlage verpasst. Nur die USA – und vielleicht
noch England, wenn überhaupt – können sich damit messen. China, Indien und Deutschland sind es
gewöhnt Dresche einzustecken. Was die Türkei betrifft, ist es ein Land, das seit
350 Jahren vor lauter Dresche den Verstand verloren hat.
*
Es ist vielleicht unwahrscheinlich, aber mal angenommen,
unsere amerikanischen Freunde lassen sich zufällig auf eine Sache im Iran ein;
kann die Türkei sich dann aus diesem Strudel heraushalten? Wie würde sich Russland
verhalten? Für welche Seite müsste sich die Türkei im Zweifelsfall entscheiden?
Wenn man über die Gegenwartspolitik mit ein wenig Verstand
und reichlich Emotionen Gedanken verlautbart, kann es von Vorteil sein, diese Fragen
im Hinterkopf zu behalten.
Sevan Nişanyan, geb. 1956
Sevan Nişanyan, geb. 1956
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