Autor: Sevan Nişanyan
Das Original erschien in seinem Blog am Samstag, 29. Dezember 2019,
Übersetzer: Taner Ulupınar
Ich verstehe, aber habt ihr denn bitte schön auch eine Lösung parat? Sollen
wir unsere geographische Lage ändern? Sollen wir uns in unser virtuelles Ghetto
zurückziehen und einen auf sozialistischen Revoluzzer tun? Hmm?
Was soll ich sagen… ich DENKE NICHT, dass der Islam – bzw. der Islamismus
oder der politische Islam der Grund für den Alptraum der letzten Jahre in der
Türkei ist. Es gibt keinen „unveränderlichen Kern“ im Islam. Das gibt es in
keiner Religion. Religionen verändern sich und passen sich den Notwendigkeiten der
jeweiligen Zeit an. So war das schon immer.
Islamische MOTIVE, DISKURSE, VORBILDER und MYTHEN mögen in den Vordergrund gerückt
sein. Was man im Repertoire hat, das benutzt man und das prägt die Ausdrucksweise.
Es hätte auch etwas anderes sein können, z.B. der Stalinismus oder der
Nationalsozialismus. Das Ergebnis wäre genau dasselbe. Dieselben Leute kämen an
die Macht und dieselben würden eingesperrt werden, dieselben Leute bekämen dieselben
Aufträge und im Fernsehen würde man dieselben dämlichen Reden hören. Man nehme
Indien. Da geschieht genau das und der Verursacher ist der Hinduismus. In
Myanmar und Sri Lanka treten sie im Namen des Buddhismus die Justiz mit Füßen und ziehen
die Demokratie in den Dreck. Der Buddhismus ist doch die philosophischste und
friedliebendste Lehre der Welt! Liest man deren Bücher, denkt man, wie lieb die
doch sind.
Die Katastrophe in der Türkei hat zwei Gründe: erstens politische Angst und
zweitens der Zorn einer gesellschaftlichen Schicht. Ersteres ist eingeschränkt
und lokal. Der zweite Grund ist ein Wirbelsturm von weltweitem Ausmaß. Hat man
dies nicht verstanden, ist alles Gesagte unnütz.
1. Die politische Angst: der erste Pfeiler der Demokratie ist, dass die
Machthaber ohne Angst zu haben ausgetauscht werden können. Die Besiegten müssen
darauf vertrauen können, ihre Ehre, Freiheit und ihre gesellschaftliche
Stellung bewahren zu können. Die Regeln müssen transparent und objektiv sein. In
der Türkei war das niemals der Fall. Seit 2002 sind sie** gänzlich ausgeartet.
Sie träumten davon [ihre Gegner] abzusetzen, sie zu vernichten, ihre Partei zu
zersprengen, eine epochale Abrechnung durchzuführen und ihres aller Vermögen
habhaft zu werden. Was hätte er [dagegen] tun sollen? Was
hättest du an seiner Stelle getan? Er tat, was rational war, sagte sich „ich
pfeif‘ auf eure Justiz“ und fing an die Weichen für seine ewige Herrschaft zu
legen. Er versuchte das Volk gegen die Zentren der institutionalisierten Macht
aufzuheizen. Gegen die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Staates schuf er
seine eigenen Finanzquellen. Ohne mit der Wimper zu zucken beseitigte er
potenzielle politische Konkurrenten. Offroad ist riskant, die Justiz zu
durchbohren ebenso. Das Loch vergrößert sich von selbst und am Ende ist man da,
wo man heute ist.
2. Die gesellschaftliche Schicht: Was heute unter dem
Deckmantel des Islamismus hervorkommt, ist ein Aufstand der Massen, der
Ausbruch von Zorn. Zorn wogegen? Gegen die Auferlegungen der Modernität („Igitt!
Deine Hose sieht ja voll assi aus. Warum trägst du nicht Dolce&Albaner?“), ein
Zorn gegen die als Modernität getarnte und erbarmungslose Logik des
Kapitalismus, die mit „Fortschritt“ geschmückte Versklavung, die mehr und mehr
verstaubte und an Anziehungskraft verlierende Macht des Westens und gegen die
Unfähigkeit der eigenen Vordenker, realistische und humane Auswege aus dem Elend
der eigenen Institutionen zu finden, Ein völlig berechtigter Zorn, der die
Logik des bestehenden Systems in Stücke reißt: „Ich akzeptiere weder deine
Vernunft, noch deine Wissenschaft, noch deine Mode, noch dein Rechtssystem oder
deine Wirtschaftstheorien und deine militärische Überlegenheit ist ^mir wurst,
denn Kugeln tun mir nichts.“ Haben sie unrecht?
Wer sich darüber lustig macht und meint „der Vollidiot
glaubt, dass sein Talisman ihn vor Kugeln schützt“, beweist der nicht seine
eigene Dummheit?
Schaut, ich sage nicht, dass wir uns diesem Zorn ergeben sollen. Vielleicht
bin ich zurückgeblieben genug zu glauben, dass die bestehende Zivilisation genügend
Dinge hat, die es sich zu bewahren lohnt. Möglicherweise bin ich von der
Arroganz (meiner Klasse) betroffen, sodass ich die Ignoranz nicht zu loben
vermag. Eins begreife ich aber ganz deutlich: Wenn man die Zivilisation und das
Wissen bewahren will, muss man erstmal der Gegenseite zuhören. Man muss
eingestehen, dass in der eigenen Zivilisation und im eigenen Wissen Dinge schieflaufen,
und man muss im Protest der Gegenseite nach Punkten suchen, die richtig sein könnten.
Ansonsten verliert man. Wer das Steuer nicht rumreißt, versinkt wie die Titanic.
„Du hast genauso Recht, mein Freund“ zu sagen ist der Knackpunkt. Ohne das
gibt es vor dieser Riesenflut des Zorns von nationalem und globalem Maß kein
Entrinnen.
Pubertäre Fantasien wie „Käme Atatürk, würde er sie alle ficken“ halte ich
gänzlich für Schwachsinn. Was die Zivilisation eigentlich zum Kollabieren
bringt, ist nicht die Wut des Volkes, sondern der stocksteife geistige
Stillstand der Systemherren – auf nationaler und globaler Ebene – angesichts
dieser Wut. Das ist es, was mich zur Weißglut treibt.
Anmerkungen des Übersetzers:
*Der Autor bezieht sich auf eine berühmt gewordene Aussage von R.T. Erdoğan
als er noch Oberbürgermeister von Istanbul: „Die Demokratie kann niemals ein
Ziel für uns sein. Wenn wir wissenschaftlich herangehen werden wir sehen, dass
sie nur ein Mittel ist“.
**Der Autor meint die kemalistischen ElitenSevan Nişanyan, ein türkischer Armenier, ist Intellektueller, Publizist, Linguist und Hotelier. 2017 gelang ihm die Flucht auf die griechische Insel Samos, nachdem er in der Tükei wegen einer baurechtlichen Lapalie inhaftiert worden war. [Anm. d. Übersetzers]
Kommentare
Kommentar veröffentlichen