Direkt zum Hauptbereich

Ein Armenier aus der Türkei über den Iran



Ein Kommentar von Sevan Nişanyan**,
Übersetzt von: Taner Ulupınar

Tabriz, Iran

Wie ihr wisst, bin ich 2012 mit dem Fahrrad durch den Iran getourt. Auch wenn ich nur in der westlichen Hälfte Häfte war, Teheran und Isfahan nicht gesehen habe, so sah ich aber Choy, Salamas, Urmia, Saqqez, Sanandadsch, Kermanschah, Hamadan, Rascht, Astara, Ardabil, Tabris und Maragha samt all den Dörfern dazwischen. Ich denke, ich konnte mir einige Eindrücke machen, wenn auch nur oberflächlich. Hier ein paar Beobachtungen.


1. Was die Segnungen des modernen Kapitalismus betrifft, ist der Iran verglichen mit der Türkei weit zurückgeschlagen. Die Autos sind aus den 70ern und völliger Schrott. Einkaufszentren könnt ihr vergessen; nicht mal gescheite Supermärkte gibt es. Die Bekleidung – Bauernstyle.

Die soziale Wohlfahrt und das Bildungsniveau hingegen sind, soweit ich das sah, der Türkei bei Weitem voraus. Nirgends gibt es augenfällige Armut; der durchschnittliche Wohnstandard ist höher als in der Türkei; die Verstädterung ist ordentlicher und homogener; die Alphabetisierungsrate ist hoch. Das Allerwichtigste, man trifft kaum auf arbeitslose Männergruppen, die wie streunende Hunde umherziehen.



2. Ich möchte noch was hinzufügen –haltet euch jetzt gut fest und versucht ruhig zu bleiben: Die Lage der Frauen scheint besser als jener in der Türkei. Nicht verglichen mit der Istanbuler Bagdad-Straße, aber verglichen mit leidvollen Orten wie Marasch, Elazig, Erzurum und Bayburt wird’s ganz deutlich.

Es nervt natürlich, dass sie sich alle wie Kakerlaken kleiden. Es gibt jedoch wesentlich mehr Fahrerinnen als in der ländlichen Türkei. Frauen sind mit Abstand die meisten Lohnarbeiter. Ein sehr großer Prozentsatz der Ärzte sind Frauen. Wesentlich wichtiger ist, dass die meisten Frauen kichern, wenn ein fremder Mann auf der Straße Augenkontakt aufnimmt. Das könnt ihr gern mal in Elazig ausprobieren, mal sehen, ob ihr ohne eine Tracht Prügel davonkommt.

Meiner Meinung nach ist das ein wichtiges Detail und ist einer der Faktoren, die ein Land lebenswert machen.



3. Wie in den ehemaligen Sowjetrepubliken gibt’s überall religiös-sentimentale Parolen und Plakate: „Immerzu vorwärts auf dem ruhmreichen Weg der Propheten“, „Der Heilige Ali sagt, Rauchen schadet der Gesundheit“. Ich habe aber nicht im Geringsten beobachtet, dass der Ottonormalverbraucher Wert auf Religion legt oder sie ernst nimmt. Die Moscheen sind gähnend leer; niemand betet in der Öffentlichkeit; keiner macht sich mit religiöser Kleidung zum Narren; selten gibt’s welche, die ihre religiösen Vorurteile allen aufdrängen wollen – oder ich habe sie nicht getroffen. Für einen aus der Türkei ist es sehr verblüffend, dass angesprochen auf den Islam einem eine Bandbreite aus Gleichgültigkeit bis radikalem Skeptizismus entgegenbracht wird.



4. Das Land wird von einer Mullah-Oligarchie regiert. Die Parallelen zur Sowjetunion der 80er ist frappierend. Versteckt hinter den Symbolen einer längst veralteten Ideologie, an die keiner mehr glaubt, versuchen sie sich bis in alle Ewigkeit an der Macht festzuhalten. Bart und Robe sind Accessoires, darunter verbirgt sich eine recht moderne Diktatur. Sie kontrollieren alle großen Firmen, Medien, Banken, staatlichen Institutionen und Sicherheitseinrichtungen. Sie wissen, sobald sie ihre ideologische Festigkeit verlieren, werden sie wie Gorbatschow (oder Honecker oder Ceaușescu) überrollt werden. Deshalb können sie aus dem ausgelaugten Diskurs des Regimes – von dessen Ausgelaugtheit sie vermutlich selbst wissen – nicht aussteigen.



5. Durch die Besetzungen ab 2001 in Afghanistan und im Irak haben die USA den Iran militärisch umzingelt. Wie zu erwarten war, hat sich das Mullah-Regime dagegen gewehrt, und das nach derzeitigem Stand unerwartet erfolgreich.

Die Amerikaner haben den Irak regelrecht niedergewalzt. Das Resultat: zwei Drittel des Landes sind unter iranischer Kontrolle; die verbleibenden amerikanischen Truppen werden verjagt werden, so scheint es. Afghanistan haben sie 18 Jahre lang besetzt. Das Resultat: Sie wurden von den Taliban besiegt, die vom Iran und möglicherweise von Pakistan unterstützt wurden. In Syrien eröffneten sie die dritte Front (indem sie in der Türkei den stockdummen Professor anstachelten*). Gemeinsam trieben sie verrückte Dschihadisten aller Prägungen auf die bedauerlicherweise einzige, halbwegs zivilisierte Alternative in Syrien – Baschar al-Assad. Ihn zu stürzen gelang ihnen nicht. Gegen das proiranische Regime im Jemen setzten sie die Saudis und führten einen beispiellos barbarischen Zermürbungskrieg – und erreichten absolut gar nichts. Im Libanon versuchten sie die Regierung auszutauschen, auch wenn das hieß, das nach dem Bürgerkrieg mühevoll errichtete Gleichgewicht zu torpedieren. Bisher waren sie erfolglos.

Ob Qasem Soleimani in Afghanistan eine Rolle spielte, weiß ich nicht. Es heißt, er sei für den Erfolg Irans in den genannten Ländern der alleinige Architekt und Durchführende gewesen.

Man darf nicht über die Verehrung für ihn verwundert sein. Er war der einzige echte Nationalheld eines Landes, dessen Vertrauen in sich und in sein Regime in den letzten Jahren erschüttert wurde.



6. Das Nettoergebnis des strategischen Erfolgs des Irans sollte nicht übersehen werden. Beide historischen Hauptstädte des Islams sind heute unter schiitischer Kontrolle. Seit dem 17. Jahrhundert ist Bagdad zum ersten Mal wieder in schiitischer Hand. Der Versuch Damaskus für die sunnitischen Araber zu erboern war erfolgslos. Über den Libanon und Latakia hat sich für den Iran ein sicherer Weg ans Mittelmeer eröffnet. Zwischen die Expansionsambitionen der Türkei im Nahen Osten und der Arabischen Halbinsel wurde eine derzeit schwer durchdringliche Mauer errichtet. Ist das was Schlechtes? Beziehungsweise hat der Iran Unrecht, wenngleich es auch für manche fatal geworden ist?



7. Im Kampf um die Kontrolle über den Irak haben sich Bagdad und Basra auf die Seite Irans gestellt, während Arbil sich lieber auf die Amerikaner verlässt, weshalb sie feindlichen Akten proiranischer Gruppen ausgesetzt waren. Es heißt, dass Qasem Soleimani der Hauptverantwortliche für die Eroberung Kirkuks war. Daher ist es nur verständlich, dass unsere kurdischen Freunde ihn voller Hass in Erinnerung haben.

Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das auf lange Sicht eine vernünftige Herangehensweise ist. Kann die Regierung im Nordirak ganz allein dem Irak und dem Iran die Stirn bieten? Was wenn die USA sich wie in Syrien plötzlich verabschiedet? Wie lange glaubt ihr, wird die Türkei in solch einem Fall den braven Nachbarn spielen?

Ich finde es wäre vernünftiger gewesen, das eigene Beileid etwa so zu bekunden: „Auch wenn der Selige unser Feind war, war er doch ein ehrenwerter Mann“.



8. Ich habe schon immer nach einer inneren Logik in der amerikanischen Außenpolitik gesucht. Weil ich mir in meinen Studienjahren über die Grundlagen und Kader dieser Politik viel Wissen angeeignet habe, verstand ich oftmals diese innere Logik – oder glaubte zumindest sie zu verstehen.

In den letzten Jahren habe ich von diesem zwecklosen Unterfangen eher abgelassen. Ihr habt sicher von dem Begriff „Rogue State“ gehört. Das kommt von „rogue elephant“, ein vor vor blinder Wut rasender, alles niedertrampelnder Elefant. Die USA verhält sich heute genau wie ein rogue elephant. Vielleicht war der Wendepunkt der Sturz der Zwillingstürme 2001. Seither haben sie eins nach dem anderen Afghanistan, Irak, Sudan, Somalia, Libyen, Syrien und Jemen zu Schutt und Asche gemacht. Es ist offensichtlich, dass das Gerede von Demokratie, Frieden und dem Krieg gegen den Dschihadismus eine Riesenlüge ist. Nach den US-Angriffen wurde keines dieser Länder je wieder zu einer Demokratie; keines davon wurde je wieder befriedet; der Dschihadismus wurde nicht weniger, ganz im Gegenteil, er wuchs rasant.

Wenn es hier eine innere Logik gibt, was ist sie? Glaubt mir, ich weiß es nicht. Die USA haben keinen ihrer Kriege gewonnen; keinen konnten sie zufriedenstellend abschließen; zu einem Abschluss waren sie auch nicht wirklich gewillt. Sie verhielten sich, als wäre es ausreichend, genügend Hollywood-Leute zu produzieren, die braune Menschen zerballern, und zu diesem Zweck unendlich viel technologische Rüstung zu verbrauchen.

Das TÄGLICHE Budget der US-Streitkräfte beträgt angeblich 700 Millionen Dollar. Geht’s tatsächlich nur darum? Ist es so einfach? Suchen sie deshalb unaufhörlich nach Ärger, sei es in der Ukraine, Estland, im Chinesischen Meer, in Nordkorea, Venezuela, Mexiko, Pakistan?



9. Können die USA diesen Krieg [mit dem Iran] gewinnen? Was ich denke, dürfte inzwischen klar sein. Seit zwanzig Jahren haben sie keinen einzigen Krieg gewonnen. Warum sollten sie diesen gewinnen?

Ohne Zweifel könnten sie mit ihren technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten den Iran von der Weltkarte tilgen. Sollten sie jedoch tatsächlich die Grenzen des konventionellen Krieges überschreiten, riefe das nach einer Intervention Russlands und Chinas. Selbst wenn diese nicht intervenieren würden, würde es ihre Allianz unzertrennlich machen. Das würden die USA nicht wagen. Noch vor zwanzig Jahren konnten die USA noch eine breite internationale Allianz anführen. Heute haben sie kaum noch einen an ihrer Seite: es herrscht Uneinigkeit mit der EU und es droht das Zerwürfnis mit der Türkei. In der Türkei weht ein heftigerer antiamerikanischer Wind als in Pakistan.

Genau aus diesen Gründen können sie, meiner Meinung nach, diesen Krieg nicht gewinnen. Ich denke, weil sie das auch wissen, werden sie sich nicht auf einen bewaffneten Konflikt einlassen.

Trotz allem gibt es Leute in Washington, die zu kalkulieren wissen. Hoffen wir, dass sie außer den Bonuszahlungen für Generäle noch andere Dinge kalkulieren können.




*Gemeint ist Ahmet Davutoğlu, seinerzeit Chefberater Erdoğans, dann Außenminister und schließlich Ministerpräsident bis 2016


**Sevan Nişanyan, ein türkischer Armenier, ist Intellektueller, Publizist, Linguist und Hotelier. 2017 gelang ihm die Flucht auf die griechische Insel Samos, nachdem er in der Tükei wegen einer baurechtlichen Lapalie inhaftiert worden war. [Anm. d. Übersetzers] 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kurdischer, afghanischer, indischer, deutscher, ... Bruder

von Sevan Nişanyan Ein in Linz zu iranischen Sprachen arbeitender Freund namens Umut Akkoç hat mir die folgende Liste zugeschickt, um meine Meinung einzuholen. Ich dachte, ich teile sie gleich samt ein paar Anmerkungen. 1.      In der proto-indoeuropäischen Sprache (PIE) wird das Ursprungswort als b h réh 2 tēr rekonstruiert und so kam man darauf: A.     Die aspirierten stimmhaften Konsonanten b h d h g h sind Laute, die nur in den modernen indischen Sprachen fortbestehen. Wir können davon ausgehen, dass es sie im Indoeuropäischen gab und sie ANDERE Laute darstellen als die unaspirierten Laute b g d . Denn ansonsten kann man nicht erklären, warum die im Altirischen immer als b d g, im Lettischen als b d j, im Altpersischen immer als b d d, im Altslawischen immer als b d z und im Hethitischen immer als p t k dargestellten Laute z. B. im Lateinischen in MANCHEN WÖRTERN als b d g in ANDEREN wiederum als f f h realisiert werden. Außerdem ...

Wettpissen mit Hunderttausenden Toten

Der Hauptgrund für die Besatzung Afghanistans durch die VSA ist grenzenlose Arroganz und Ignoranz. Mit Ignoranz meine ich einen adoleszenten Geisteszustand, der keine Ahnung hat von den Lehren und moralischen Prinzipien aus Tausenden   Jahren menschlicher Erfahrung. „Hey Joe“, sagten sie, „diese Afghanesen oder wie sie heißen mucken auf. Die werden wir zerquetschen. Außerdem die Russen, Geopolitik, Stabilität und Machtdemonstration und so. Soll die Welt mal sehen, wer weiter pissen kann.“ Freilich haben sie Analysen bestellt und verwendet. Hat man sich einmal fürs Wettpissen entschieden, finden sich problemlos Beweggründe. Man vergesse auch nicht, dass Bedienstete, die solche Analysen produzieren, nicht von der Liebe zur Erkenntnis angetrieben sind, sondern von Karriereambitionen. Hunderte von ihnen habe ich gelesen. So gut wie alle sind hirnrissiges Zeug bestehend aus oberflächlichen Hypothesen, willkürlichen Schlussfolgerungen und Interpretationen sowie klischeehaftem Geschic...

Brill-Bücher für 25€: Eine Liste

aktualisiert am 26.06.21 E-Bücher von Brill, die mit uneingeschränktem Zugang über das Uninetz als PDF verfügbar sind, können teilweise als Abrufbuch (print on demand) bestellt werden. Brill nennt es MyBook . Man kann sich also auf Wunsch ein Exemplar drucken und liefern lassen – für nur 25€!! Teilweise bedeutet das 83% Rabatt und mehr im Vergleich zur gebundenen Ausgabe. Allerdings ist es schwierig herauszufinden, welche Titel dazugehören. Auf dem Internetauftritt von Brill kann man zwar unzählige Werke finden, doch welche gehören dazu? Man findet sie nur, wenn man akribisch via Uninetz (z. B. mit VPN) sucht. Außerhalb des Uninetzes sieht man nicht, welche Werke zugänglich sind und welche für MyBook freigeschaltet sind. Um bestellen zu können muss man sich außerdem ein Konto auf der Brill-Seite erstellen. Über den Katalog Plus der Universität Tübingen (via VPN) habe ich einige islamwissenschaftliche Werke gefunden, die man sich für diesen sensationellen Preis bestellen kan...