Ein Kommentar von Sevan Nişanyan**,
türkisches Original: https://nisanyan1.blogspot.com/2020/01/iran-kucumsemeyin-bence.html
Übersetzt von: Taner Ulupınar
Wie ihr wisst, bin ich 2012 mit dem Fahrrad durch den Iran
getourt. Auch wenn ich nur in der westlichen Hälfte Häfte war, Teheran und
Isfahan nicht gesehen habe, so sah ich aber Choy, Salamas, Urmia, Saqqez, Sanandadsch,
Kermanschah, Hamadan, Rascht, Astara, Ardabil, Tabris und Maragha samt all den
Dörfern dazwischen. Ich denke, ich konnte mir einige Eindrücke machen, wenn
auch nur oberflächlich. Hier ein paar Beobachtungen.
1. Was die Segnungen des modernen Kapitalismus betrifft, ist
der Iran verglichen mit der Türkei weit zurückgeschlagen. Die Autos sind aus
den 70ern und völliger Schrott. Einkaufszentren könnt ihr vergessen; nicht mal
gescheite Supermärkte gibt es. Die Bekleidung – Bauernstyle.
Die soziale Wohlfahrt und das Bildungsniveau hingegen sind, soweit
ich das sah, der Türkei bei Weitem voraus. Nirgends gibt es augenfällige Armut;
der durchschnittliche Wohnstandard ist höher als in der Türkei; die
Verstädterung ist ordentlicher und homogener; die Alphabetisierungsrate ist
hoch. Das Allerwichtigste, man trifft kaum auf arbeitslose Männergruppen, die
wie streunende Hunde umherziehen.
2. Ich möchte noch was hinzufügen –haltet euch jetzt gut
fest und versucht ruhig zu bleiben: Die Lage der Frauen scheint besser als jener
in der Türkei. Nicht verglichen mit der Istanbuler Bagdad-Straße, aber verglichen
mit leidvollen Orten wie Marasch, Elazig, Erzurum und Bayburt wird’s ganz
deutlich.
Es nervt natürlich, dass sie sich alle wie Kakerlaken
kleiden. Es gibt jedoch wesentlich mehr Fahrerinnen als in der ländlichen Türkei.
Frauen sind mit Abstand die meisten Lohnarbeiter. Ein sehr großer Prozentsatz
der Ärzte sind Frauen. Wesentlich wichtiger ist, dass die meisten Frauen kichern,
wenn ein fremder Mann auf der Straße Augenkontakt aufnimmt. Das könnt ihr gern
mal in Elazig ausprobieren, mal sehen, ob ihr ohne eine Tracht Prügel davonkommt.
Meiner Meinung nach ist das ein wichtiges Detail und ist
einer der Faktoren, die ein Land lebenswert machen.
3. Wie in den ehemaligen Sowjetrepubliken gibt’s überall
religiös-sentimentale Parolen und Plakate: „Immerzu vorwärts auf dem ruhmreichen
Weg der Propheten“, „Der Heilige Ali sagt, Rauchen schadet der Gesundheit“. Ich
habe aber nicht im Geringsten beobachtet, dass der Ottonormalverbraucher Wert
auf Religion legt oder sie ernst nimmt. Die Moscheen sind gähnend leer; niemand
betet in der Öffentlichkeit; keiner macht sich mit religiöser Kleidung zum
Narren; selten gibt’s welche, die ihre religiösen Vorurteile allen aufdrängen
wollen – oder ich habe sie nicht getroffen. Für einen aus der Türkei ist es
sehr verblüffend, dass angesprochen auf den Islam einem eine Bandbreite aus
Gleichgültigkeit bis radikalem Skeptizismus entgegenbracht wird.
4. Das Land wird von einer Mullah-Oligarchie regiert. Die
Parallelen zur Sowjetunion der 80er ist frappierend. Versteckt hinter den
Symbolen einer längst veralteten Ideologie, an die keiner mehr glaubt,
versuchen sie sich bis in alle Ewigkeit an der Macht festzuhalten. Bart und
Robe sind Accessoires, darunter verbirgt sich eine recht moderne
Diktatur. Sie kontrollieren alle großen Firmen, Medien, Banken, staatlichen
Institutionen und Sicherheitseinrichtungen. Sie wissen, sobald sie ihre ideologische
Festigkeit verlieren, werden sie wie Gorbatschow (oder Honecker oder Ceaușescu)
überrollt werden. Deshalb können sie aus dem ausgelaugten Diskurs des Regimes –
von dessen Ausgelaugtheit sie vermutlich selbst wissen – nicht aussteigen.
5. Durch die Besetzungen ab 2001 in Afghanistan und im Irak
haben die USA den Iran militärisch umzingelt. Wie zu erwarten war, hat sich das
Mullah-Regime dagegen gewehrt, und das nach derzeitigem Stand unerwartet
erfolgreich.
Die Amerikaner haben den Irak regelrecht niedergewalzt. Das
Resultat: zwei Drittel des Landes sind unter iranischer Kontrolle; die
verbleibenden amerikanischen Truppen werden verjagt werden, so scheint es.
Afghanistan haben sie 18 Jahre lang besetzt. Das Resultat: Sie wurden von den
Taliban besiegt, die vom Iran und möglicherweise von Pakistan unterstützt wurden.
In Syrien eröffneten sie die dritte Front (indem sie in der Türkei den stockdummen
Professor anstachelten*). Gemeinsam trieben sie verrückte Dschihadisten aller
Prägungen auf die bedauerlicherweise einzige, halbwegs zivilisierte Alternative
in Syrien – Baschar al-Assad. Ihn zu stürzen gelang ihnen nicht. Gegen das proiranische
Regime im Jemen setzten sie die Saudis und führten einen beispiellos barbarischen
Zermürbungskrieg – und erreichten absolut gar nichts. Im Libanon versuchten sie
die Regierung auszutauschen, auch wenn das hieß, das nach dem Bürgerkrieg mühevoll
errichtete Gleichgewicht zu torpedieren. Bisher waren sie erfolglos.
Ob Qasem Soleimani in Afghanistan eine Rolle spielte, weiß
ich nicht. Es heißt, er sei für den Erfolg Irans in den genannten Ländern der
alleinige Architekt und Durchführende gewesen.
Man darf nicht über die Verehrung für ihn verwundert sein. Er war
der einzige echte Nationalheld eines Landes, dessen Vertrauen in sich und in
sein Regime in den letzten Jahren erschüttert wurde.
6. Das Nettoergebnis des strategischen Erfolgs des Irans
sollte nicht übersehen werden. Beide historischen Hauptstädte des Islams sind
heute unter schiitischer Kontrolle. Seit dem 17. Jahrhundert ist Bagdad zum
ersten Mal wieder in schiitischer Hand. Der Versuch Damaskus für die sunnitischen
Araber zu erboern war erfolgslos. Über den Libanon und Latakia hat sich für den
Iran ein sicherer Weg ans Mittelmeer eröffnet. Zwischen die Expansionsambitionen
der Türkei im Nahen Osten und der Arabischen Halbinsel wurde eine derzeit
schwer durchdringliche Mauer errichtet. Ist das was Schlechtes? Beziehungsweise
hat der Iran Unrecht, wenngleich es auch für manche fatal geworden ist?
7. Im Kampf um die Kontrolle über den Irak haben sich
Bagdad und Basra auf die Seite Irans gestellt, während Arbil sich lieber auf
die Amerikaner verlässt, weshalb sie feindlichen Akten proiranischer Gruppen ausgesetzt
waren. Es heißt, dass Qasem Soleimani der Hauptverantwortliche für die
Eroberung Kirkuks war. Daher ist es nur verständlich, dass unsere kurdischen
Freunde ihn voller Hass in Erinnerung haben.
Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das auf lange Sicht
eine vernünftige Herangehensweise ist. Kann die Regierung im Nordirak ganz
allein dem Irak und dem Iran die Stirn bieten? Was wenn die USA sich wie in
Syrien plötzlich verabschiedet? Wie lange glaubt ihr, wird die Türkei in solch
einem Fall den braven Nachbarn spielen?
Ich finde es wäre vernünftiger gewesen, das eigene Beileid etwa
so zu bekunden: „Auch wenn der Selige unser Feind war, war er doch ein
ehrenwerter Mann“.
8. Ich habe schon immer nach einer inneren Logik in der
amerikanischen Außenpolitik gesucht. Weil ich mir in meinen Studienjahren über
die Grundlagen und Kader dieser Politik viel Wissen angeeignet habe, verstand
ich oftmals diese innere Logik – oder glaubte zumindest sie zu verstehen.
In den letzten Jahren habe ich von diesem zwecklosen
Unterfangen eher abgelassen. Ihr habt sicher von dem Begriff „Rogue State“
gehört. Das kommt von „rogue elephant“, ein vor vor blinder Wut rasender, alles
niedertrampelnder Elefant. Die USA verhält sich heute genau wie ein rogue
elephant. Vielleicht war der Wendepunkt der Sturz der Zwillingstürme 2001.
Seither haben sie eins nach dem anderen Afghanistan, Irak, Sudan, Somalia,
Libyen, Syrien und Jemen zu Schutt und Asche gemacht. Es ist offensichtlich,
dass das Gerede von Demokratie, Frieden und dem Krieg gegen den Dschihadismus
eine Riesenlüge ist. Nach den US-Angriffen wurde keines dieser Länder je wieder
zu einer Demokratie; keines davon wurde je wieder befriedet; der Dschihadismus
wurde nicht weniger, ganz im Gegenteil, er wuchs rasant.
Wenn es hier eine innere Logik gibt, was ist sie? Glaubt
mir, ich weiß es nicht. Die USA haben keinen ihrer Kriege gewonnen; keinen
konnten sie zufriedenstellend abschließen; zu einem Abschluss waren sie auch
nicht wirklich gewillt. Sie verhielten sich, als wäre es ausreichend, genügend
Hollywood-Leute zu produzieren, die braune Menschen zerballern, und zu diesem
Zweck unendlich viel technologische Rüstung zu verbrauchen.
Das TÄGLICHE Budget der US-Streitkräfte beträgt angeblich 700
Millionen Dollar. Geht’s tatsächlich nur darum? Ist es so einfach? Suchen sie deshalb
unaufhörlich nach Ärger, sei es in der Ukraine, Estland, im Chinesischen Meer, in
Nordkorea, Venezuela, Mexiko, Pakistan?
9. Können die USA diesen Krieg [mit dem Iran] gewinnen? Was
ich denke, dürfte inzwischen klar sein. Seit zwanzig Jahren haben sie keinen
einzigen Krieg gewonnen. Warum sollten sie diesen gewinnen?
Ohne Zweifel könnten sie mit ihren technischen und
wirtschaftlichen Möglichkeiten den Iran von der Weltkarte tilgen. Sollten sie
jedoch tatsächlich die Grenzen des konventionellen Krieges überschreiten, riefe
das nach einer Intervention Russlands und Chinas. Selbst wenn diese nicht
intervenieren würden, würde es ihre Allianz unzertrennlich machen. Das würden
die USA nicht wagen. Noch vor zwanzig Jahren konnten die USA noch eine breite
internationale Allianz anführen. Heute haben sie kaum noch einen an ihrer Seite:
es herrscht Uneinigkeit mit der EU und es droht das Zerwürfnis mit der Türkei.
In der Türkei weht ein heftigerer antiamerikanischer Wind als in Pakistan.
Genau aus diesen Gründen können sie, meiner Meinung nach,
diesen Krieg nicht gewinnen. Ich denke, weil sie das auch wissen, werden sie sich
nicht auf einen bewaffneten Konflikt einlassen.
Trotz allem gibt es Leute in Washington, die zu kalkulieren
wissen. Hoffen wir, dass sie außer den Bonuszahlungen für Generäle noch andere
Dinge kalkulieren können.
**Sevan Nişanyan, ein türkischer Armenier, ist Intellektueller, Publizist, Linguist und Hotelier. 2017 gelang ihm die Flucht auf die griechische Insel Samos, nachdem er in der Tükei wegen einer baurechtlichen Lapalie inhaftiert worden war. [Anm. d. Übersetzers]

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