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Brief einer Straßburger Studentin an Macron

Offener Brief an den Präsidenten der Französischen Republik Emmanuel Macron

Sehr geehrter Herr Präsident,

Mit neunzehn Jahren fühle ich mich, als wäre ich tot. Dabei schneit es heute in Straßburg. Hübsche Flocken wirbeln am Himmel umher. Ich beobachte sie von meiner warmen Wohnung aus, aber habe nichts davon. Der Schnee ist entzückend, wenn er braune Haare bedeckt, auf Kinderzungen landet oder sich am Mantel eines unachtsamen Passanten zerreibt. Ich schmunzle nostalgisch, aber ich habe keinen Grund hinauszugehen. Ich muss arbeiten. Das ist alles, was ich tun muss, nicht wahr? Das ist alles, was ich tun soll, das Einzige, was ich tun darf. Ich bin neunzehn Jahre alt und mein Büro ist mein Zimmer. Es ist auch mein Platz zum Ausruhen, zum Telefonieren, zum Filme schauen und manchmal sogar zum Kochen. Alles mischt sich in meinem Gemüt. Nach einem Tag im Hörsaal nach Hause zu kommen, ist nicht mehr befriedigend, der Unterricht ist mein Zimmer, mein Zimmer ist der Unterricht.

Die Wahrheit ist, Herr Präsident,, dass ich keine Träume mehr habe. Im gleichen Tempo, wie meine Stimmung sinkt, fallen auch alle meine Pläne eins nach dem anderen in sich zusammen. Am Anfang war es lustig, es war neu. Es konnte ja nicht lange dauern, wir waren bereit, Solidarität zu zeigen, obwohl unser zweites Semester ins Wasser fiel und unsere Freundschaften zerbröckelten. Aber jetzt, reicht's. Der Spaß ist vorbei. Eine Weile lang kann man es sich zurecht biegen. Wir sind keine Maschinen, Sie können nicht einfach von uns verlangen, dass wir arbeiten und die Klappe halten. Ich liebe mein Studium, aber ich vegetiere dahin, bin alles andere als produktiv. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber es wird jeden Tag schlimmer. Manchmal weine ich vor meinem Computer. Mein Leben ist sinnlos und meine Zukunft ist unklar. Ich plane nicht sehr weit voraus, um mich zu schützen, um die Hoffnung zu töten, bevor eine weitere Ihrer Maßnahmen mir zuvorkommt.

Wenn man mit 19 keine Hoffnung, keine Zukunft hat, was bleibt einem dann noch übrig? Was mich angeht, ein schwarzes Loch aus "vielleicht" und Knoten im Kopf, die Aspirin nicht lösen kann. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin und zu denjenigen gehöre, denen es besser geht. Viele brechen ihr Studium ab, verlieren ihr Selbstwertgefühl, leiden. Diese jungen Menschen, denen es nicht gut geht, sind die Zukunft des Landes, Herr Präsident, und Sie schwächen sie, brechen sie, vernachlässigen sie. In Lyon stürzte sich vor wenigen Tagen ein Student aus dem vierten Stock. Eine Meldung, die vergeht, bloßer Kollateralschaden einer weltweiten Pandemie. Aber wenn wir Studenten in der nächsten Ansprache nicht erwähnt werden, wenn keine Alternativen gefunden werden, wenn niemand den Anstand hat, uns wenigstens in die Tutorien zu lassen, werden Sie Hunderte von Studenten auf dem Asphalt zerschmettert auffinden. Wir existieren, verdammt noch mal, müssen wir erst sterben, damit Sie das bemerken? Dieser Umstand wäre zum Lachen, wäre er nicht mörderisch. Die Mehrheit wird nicht springen, seien Sie beruhigt. aber der Trübsinn wird bis auf die Knochen an uns zehren.

Mir ist bewusst, dass sich die Rezession vertieft, aber es sollte nicht nur um die Wirtschaft gehen. Wir fordern nicht die Wiedereröffnung von Bars und Nachtclubs, sondern einfach nur Präsenzunterricht. Die Einkaufszentren sind überfüllt, die Menschen treten sich gegenseitig auf die Füße, und man wagt es, uns zu sagen, dass wir nicht zum Unterricht gehen können, auch nicht in halb so großen Gruppen, unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen? Dies ist einfach nicht akzeptabel. Wenn das, was ich gesagt habe, Sie nicht wachrüttelt, vergessen Sie nicht, dass Sie eine ganze Wählergruppe ignorieren.

Ich verstehe, wie schwer Ihre Arbeit ist, Herr Präsident. Aber zur Abwechslung denke ich an mich, an uns, und ich sage: Scheiß auf die Solidarität! Wir haben unseren Teil getan. Geben Sie uns jetzt ein Stück Leben zurück.

Mit freundlichen Grüßen,
Heidi Soupault - Eine lebende Tote


 

Urspr. ersch. am 12. Januar 2021 auf der Facebook-Seite von H.S.
Abgetippt und übersetzt von Taner Ulupinar u.a. mithilfe von DeepL


 

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